Panorama wandern in Les Annes

Steil bergauf 😃

Les Annes: winziges Bergdorf, riesige Kulisse

Es gibt Orte, die sind hübsch. Und dann gibt es Orte, bei denen man aus dem Auto steigt, einmal in die Runde schaut und sich ernsthaft fragt, weshalb man eigentlich jemals irgendwo anders hingefahren ist. Les Annes oberhalb von Le Grand-Bornand gehört ziemlich eindeutig zur zweiten Sorte.

Les Annes besteht ( gefühlt) aus 8 Häusern, davon 3 wunderschöne Restaurants

Wir waren ursprünglich gar nicht sicher, ob wir hier lange bleiben würden. Ein bisschen schauen, vielleicht weiterfahren, noch irgendeinen See oder einen anderen Berg suchen. Daraus wurde nichts. Les Annes hat uns praktisch schon beim Aussteigen festgehalten.

Denn dieses winzige Bergdorf liegt auf etwa 1.720 Metern Höhe direkt unterhalb der gewaltigen Pointe Percée, mit 2.750 Metern der höchste Gipfel der Aravis-Kette. Ringsherum stehen alte Almhütten und Chalets zwischen grünen Wiesen, einige davon werden noch heute landwirtschaftlich genutzt, dazu kommen ein paar kleine Bergrestaurants. Viel mehr braucht es hier auch nicht. Die eigentliche Hauptattraktion steht sowieso längst da: die Landschaft. 

Und die ist wirklich gigantisch.

Man kann es gar nicht richtig auf Bildern festhalten, wie gigantisch es ist

Les Annes ist kein Dorf, durch das man einfach nur hindurchfährt

Schon die Anfahrt nach Les Annes ist wunderschön. Die Straße zieht sich immer weiter hinauf, die Bebauung wird weniger, die Berge rücken näher und irgendwann landet man in einer Landschaft, die beinahe schon zu perfekt aussieht. Keine große Ferienanlage, keine breite Einkaufsstraße, kein künstlich herausgeputzter Alpenort, sondern ein paar Häuser und Almhütten inmitten dieser riesigen Bergwelt.

Die Straße schlängelt sich atemberaubend schön durch die Berge

Genau das macht Les Annes so besonders.

Das Dorf selbst ist zuckersüß, aber nicht auf diese dekorierte Postkartenart, bei der jeder Blumenkasten offenbar einem geheimen Gemeinderatsbeschluss unterliegt. Es wirkt natürlich und ursprünglich. Wiesen, Kühe, alte Holzhäuser, schmale Wege und dahinter die Felsen der Aravis.

Vor allem aber hat man hier das Gefühl, bereits mitten im Gebirge angekommen zu sein, ohne vorher zwei Stunden irgendwo hinaufwandern zu müssen.

Das ist ein nicht zu unterschätzender Vorteil.

Du stellst das Auto ab, steigst aus und bekommst das Panorama praktisch frei Haus.

Wir wollten eigentlich weiter und blieben dann doch

Unser ursprünglicher Plan war, nach einem kurzen Aufenthalt noch einmal weiterzufahren. Vielleicht irgendwohin, wo ein See liegt, vielleicht noch ein anderes Bergdorf.

Dann standen wir da oben und dachten uns ziemlich schnell: Warum eigentlich?

Also blieb das Auto stehen und wir gingen stattdessen wandern.

Und das war definitiv die bessere Entscheidung.

Von Les Annes führen verschiedene Wege hinauf in Richtung der umliegenden Kämme. Eine der leichteren Touren ist beispielsweise die Clé des Annes, ein etwa fünf Kilometer langer Hin-und-Rückweg mit knapp 200 Höhenmetern. Der Weg führt aus dem Bereich der Almhöfe hinauf zu den Crêtes du Maroly, den Maroly-Kämmen, und verläuft teilweise als wunderbarer Balkonweg oberhalb des Tales. Die offizielle Beschreibung verspricht dort ein 360-Grad-Panorama über das Tal, die Aravis-Kette, den Jallouvre und den Lachat de Châtillon. Und ausnahmsweise ist „Panorama“ hier kein touristisches Wort, das bedeutet, dass man irgendwo zwischen zwei Bäumen ein Stück Berg sieht. Man sieht tatsächlich Berge. Sehr viele Berge. 

Wir sind oben auf dem Kamm entlanggelaufen, und dort wird erst richtig deutlich, wie außergewöhnlich die Lage von Les Annes eigentlich ist.

Oben auf dem Kamm öffnet sich die Landschaft in alle Richtungen

Je höher man steigt, desto mehr verschwindet dieses Gefühl, noch bei einem kleinen Dorf zu sein. Plötzlich liegt auf der einen Seite das Tal von Le Grand-Bornand weit unter einem, während sich auf der anderen Seite die Berglandschaft Richtung Le Reposoir öffnet.

Genau diese Lage zwischen den beiden Tälern macht die Kammwanderungen hier so spektakulär. Auch der anspruchsvollere Weg von der Tête des Annes Richtung Pointe Percée verläuft auf diesem Höhenzug und bietet Ausblicke sowohl in die Täler von Le Grand-Bornand als auch hinüber ins Reposoir-Tal. 

Über allem steht natürlich die Pointe Percée.

Sie ist der Berg, der in dieser Landschaft sofort auffällt. Kein lieblicher grüner Hügel, sondern ein mächtiger, heller Kalkfels, der sich über den anderen Bergen erhebt und mit seinen 2.750 Metern die gesamte Aravis-Kette überragt. Je nachdem, wo man auf dem Kamm steht, verändert sie ständig ihre Form und Wirkung. Mal sieht sie fast geschlossen und massiv aus, an anderer Stelle erkennt man besser ihre zerklüfteten Grate und den felsigen Charakter dieses Gebirges. 

Daneben zieht sich die Chaîne des Aravis wie eine lange gezackte Steinmauer durch die Landschaft.

Und genau das gefällt mir hier so gut: Diese Berge sind nicht einfach nur hoch. Sie haben Charakter. Über den weichen grünen Almwiesen stehen plötzlich schroffe graue Kalkfelsen, als hätte jemand zwei komplett unterschiedliche Landschaften übereinandergesetzt.

Jallouvre und Lachat gehören ebenfalls zum Panorama

In einer anderen Richtung fällt der Pic du Jallouvre auf, einer der markantesten Berge im Bornes-Massiv. Rund um Le Grand-Bornand taucht er immer wieder im Panorama auf, und vom Bereich der Clé des Annes gehört er ausdrücklich zu den Bergen, die man im Blick hat. 

Ebenfalls sehr präsent ist der Lachat de Châtillon. Der Berg erreicht 2.050 Meter und bildet den höchsten Punkt des Skigebiets von Le Grand-Bornand. Von den Höhen rund um Les Annes schaut man auf ihn und die umliegenden Skihänge hinüber. 

Damit sind wir bei einer Besonderheit, die man beim Wandern hier kaum übersehen kann.

Im Sommer wandert man mitten durch das Skigebiet

Überall stehen Skilifte.

Sessellifte ziehen sich die Hänge hinauf, Liftstützen stehen mitten zwischen den Sommerwiesen und breite Schneisen verraten ziemlich eindeutig, wo im Winter die Skipisten verlaufen.

Besonders auffällig ist der Télésiège des Annes, dessen Bergstation auf etwa 1.876 Metern an der Tête des Annes liegt. Von dort reicht das Panorama über den Col des Annes, Le Reposoir, die Aravis-Kette, die Pointe Percée, die Vallée de la Duche und hinüber zum Lachat de Châtillon. 

Im Sommer wirkt das zunächst ein bisschen seltsam.

Man läuft durch blühende Almwiesen, irgendwo grast eine Kuh, ringsherum nichts als Berge und plötzlich steht da eine riesige Liftstütze herum.

Aber nach kurzer Zeit gehört das irgendwie dazu. Und ich fand es sogar spannend, diese Landschaft einmal außerhalb des Winters zu sehen. Wo im Januar Menschen mit Skiern hinunterfahren, läuft man jetzt über Wiesen und schmale Bergpfade.

Die Natur übernimmt das Skigebiet im Sommer einfach wieder.

Die Tête des Annes ist der nächste Aussichtsbalkon

Wer weiter hinauf möchte, kann von Les Annes zur Tête des Annes auf etwa 1.869 Meter steigen. Sie bildet den ersten Gipfel auf dem bekannten Höhenweg Richtung Pointe Percée. Danach folgen die Pointe des Delevrets mit 1.966 Metern und weiter oben der Col de l’Oulettaz unterhalb der Pointe de Rouelletaz. 

Wir mussten daraus allerdings keine alpine Expedition machen.

Das Schöne an Les Annes ist gerade, dass man schon mit relativ wenig Strecke unglaublich viel Landschaft bekommt. Man kann ein Stück hinaufsteigen, über den Kamm laufen, sich irgendwann irgendwo ins Gras setzen und einfach schauen.

Und schauen kann man hier ziemlich lange.

Warum mir Les Annes so gut gefallen hat

Vielleicht liegt es daran, dass hier mehrere Dinge zusammenkommen, die ich in den Bergen besonders mag.

Es ist hoch, ohne dass man erst stundenlang hinaufwandern muss.

Es ist klein, ohne steril oder künstlich zu wirken.

Es gibt gewaltige Berge, aber gleichzeitig weiche Almwiesen und viel Grün.

Und vor allem ist man nicht nur Zuschauer der Landschaft. Sobald man ein paar hundert Meter läuft, steckt man mittendrin.

Hinter einem verschwindet das kleine Dorf, vor einem zieht sich der Kamm weiter, rechts und links fallen die Hänge in die Täler ab und ringsherum stehen diese gewaltigen Bergmassive.

Da braucht man dann auch keinen besonderen Aussichtspunkt mit Schild und Fotofenster.

Man dreht sich einfach um.

Les Annes war eigentlich nur ein Ausflugsziel und wurde eines meiner Highlights

Wir wollten zunächst nur kurz hinauf.

Dann wollten wir vielleicht noch weiterfahren.

Am Ende blieben wir, gingen wandern und verbrachten deutlich mehr Zeit dort als geplant.

Und genau solche Orte bleiben meistens hängen.

Les Annes ist winzig. Die Landschaft drumherum ist das genaue Gegenteil.

Wer in der Gegend um Le Grand-Bornand unterwegs ist, schöne Bergdörfer mag und große Alpenpanoramen sehen möchte, ohne dafür zwangsläufig eine große Bergtour unternehmen zu müssen, sollte die Fahrt hinauf unbedingt machen.

Selbst wenn du überhaupt nicht wandern möchtest, lohnt sich Les Annes bereits wegen des Dorfes und der Aussicht.

Wenn du aber noch ein Stück hinauf auf den Kamm läufst, bekommst du genau das, weshalb man überhaupt in die Alpen fährt: Weite, Ruhe, schroffe Berge, grüne Täler und dieses leicht absurde Gefühl, dass die Wirklichkeit gerade deutlich schöner aussieht als jedes Foto davon. 🏔️🌿

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Panorama wandern in Les Annes


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